Freitag, 18. August 2017

Hinter den Kulissen - Eine Kurzgeschichte

                                      Kapitel 1


                Die Arme nach vorne über-streckt,
                die Hände in einer Schalengebärde gerundet,
                so liegt sie zitternd auf ihren Knien
                mitten in der Fussgängermeile.

                Eine junge Frau mit Kopftuch,
                in grau-schwarz verstaubtem Kleid -
                armselig auf den ersten Blick,
                glasig hohl die Augen.

                Nur wenige Augenblicke vorher,
                ein Mann, bedrohlich an ihrer Seite,
                der ihren Körper brutal
                in die gekrümmte Streckhaltung zerrt.

                So musst Du liegen,
                zischt ein grimmiges Flüstern über seine Lippen -
                Du wirkst nicht elend genug
                und die Leute geben kein Geld.

                Den kaum gefüllten Pappbecher vor sich
                sinkt die Frau  wie in sich zusammen -
                am Rande des Geschehens
                tuscheln irritiert einige Passanten …
               
                Eine Frau greift zum Handy
                und ruft die Polizei -
                durch den Körper der jungen Frau
                läuft ein leises Zucken.

                Eine kleine Ewigkeit später
                schält sie sich auf offener Strasse
                beinahe unmerklich aus ihrer Bettler Verkleidung
                und steht ruckartig auf.

                Die Kleider lässt sie liegen,
                auch der inzwischen gut gefüllte Pappbecher
                bleibt stehen, ein Tempotaschentuch oben auf,
                mit dem die „Bettlerin“ sich abschminkte, …
               
                bevor sie festen Schrittes
                in kurzer Hose und einfacher Bluse
                im Einkaufsrummel
                den Blicken entschwindet.

                Die Frau mit dem Handy in der Hand
                schreit, "haltet die Betrügerin," -
                vergebens,
                die Polizei kommt.

                Mit hochrotem Kopf schildert sie den Vorfall,
                flucht dazwischen immer wieder,
                "einsperren sollte „man“ dieses Pack,
                zurückweisen in ihre Herkunftsländer."

                Die Polizei macht einige Photos,
                lässt im Übrigen aber alles so
                wie sie es vorgefunden,
                zieht sich observierend in den Hintergrund zurück.

                Nur wenig später, ein Mann mittleren Alters,
                mit auffallend vielen Ringen an den Händen,
                in seinen Fingern spielerisch bewegt
                ein Autoschlüssel mit Mercedes-Stern.

                Er sieht den Pappbecher,
                die Kleider inmitten der Fussgängerströme,
                prüft mit seinen Augen blitzschnell die Lage
                und schlendert wie beiläufig „auf die Mitte“ zu.

                Es geschieht so schnell,
                dass es beinahe niemand bemerkt;
                er bückt sich, nimmt den Pappbecher
                und versenkt das Geld in der Tasche seines Jackets.

                Den leeren Geldbehälter zur Seite kickend
                verschwindet er katzengleich in einer Schaufenster-Arkade,
                doch die Polizei tritt ihm entgegen,
                stellt ihn zur Rede, verhaftet ihn diskret.
               
                Die Fussgängerströme stocken nur kurz;
                niemand scheint der Vorfall zu berühren,
                nur über das Gesicht der Frau mit dem Handy
                huscht ein kurzes hämisches Grinsen …


            
                                     Kapitel 2


                Die junge Frau hört ihn noch, den Schrei -
                „haltet die Betrügerin,“
                bevor sie in dem nahen Kaufhaus verschwindet,
                am ganzen Körper zitternd.

                Was tut sie da, sie war geflohen -
                vor ihrem Klan-Patriarchen,
                der sie und ein dutzend andere Frauen
                so unsäglich gequält und erniedrigt.

                Auf einem gepolstertem Hocker,
                vor der Damen-Garderobe sich entspannend,
                huscht ein Lächeln über ihr Gesicht; wie gut,
                sie kann bei ihrem heimlichen Freund wohnen.

                Es dauert eine Weile, bis sie sich
                in ihre neue Situation hineinfinden kann,
                bis sie aufhört immer wieder um sich zu schauen,
                ob sie vielleicht doch noch verfolgt wird.

                Irgendwann geht sie
                zwischen den vielen schönen Kleidern hin und her,
                verschwindet in der Garderobe,
                um dies und das anzuprobieren und hängt es zurück.

                Ihre Augen strahlen
                derweil sie sich vor dem Spiegel immer wieder dreht,
                ihre Anmut und zarte Schönheit vor Augen -
                nach alldem Schmerz der letzten Jahre; sie ist frei.

                Eine Bluse mit weiten Ärmeln und Rosenmuster
                hat sie besonders in ihr Herz geschlossen;
                mehrfach anprobiert und wieder zurückgehängt,
                stellt sie sich schliesslich mit ihr in die Reihe vor der Kasse.

                Erst als die Kassiererin sie anspricht,
                "junge Frau, neunundvierzig Euro bitte,"
                wacht sie wie aus einem Traum auf,
                errötet und stottert: „Ich habe kein Geld.“

                Noch bevor ein weiteres Wort fällt
                dreht sie sich um, will die Bluse zurückbringen
                und tritt dabei dem jungen Mann hinter ihr,
                der einen fünfzig Euro Schein in Händen hält, auf den Fuss.

                Eine kleine Unendlichkeit schauen sie sich in die Augen,
                bis er flüstert, sie müssen das nicht tun,
                ich schenke Ihnen die Bluse
                und seine fünfzig Euro auf den Kassentisch legt.

                Sie begreift nicht und dann doch -
                Tränen stürzen ihr wie ein ungehemmter Wasserfall
                aus den Augen, bevor sie sich abwendet
                und ohne ein Wort panisch das Kaufhaus verlässt.

                Der junge Mann seinerseits, trägt -
                die gleiche Bluse, die er soeben verschenkt
                zurück, denn sein Geld reicht nicht,
                um dieses Geschenk für seine Frau zu bezahlen.

                Als er erneut an der Kasse vorbeigeht, hört er die Worte:
                "Unter all den Tagen, an denen ich hier meinen Dienst tue
                und dabei soviel Geiz und Gier in die Augen blicke,
                ist dies ein goldener Tag."

                Später, in den Abendstunden
                begrüsst er seine Frau
                mit einem Strauss roter Rosen in Händen
                und erzählt ihr, leicht beschämt, die Geschichte dazu.

                Sie schaut ihm in die Augen,
                geht auf ihn zu, umarmt ihn; Du guter Mann -
                Du hast einer fremden Frau
                das Geschenk ihres Lebens gemacht.

                Das freut mich von ganzem Herzen -
                was habe ich nur für ein Glück
                einen Mann mit einem so grossen Herzen
                an meiner Seite zu wissen.
              
                Während sie versonnen die Rosen in ihrer Hand streichelt,
                sagt sie beinahe flüsternd,
                wir werden beizeiten erfahren,
                welche Tore Dein Herz geöffnet.

          
                © baH, 18.08.2017

                Fortsetzung folgt


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